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"Iceland revisited"

Über 60 Menschen aus drei Kontinenten fanden diesen Sommer im isländischen Ort Solheimar zusammen, um sich im Rahmen einer Wander- und Arbeitstagung eingehend mit Rudolf Steiners "Volksseelenzyklus" zu beschäftigen.

Darunter auch Hartwig Schiller, Generalsekretär der Anthroposophischen Gesellschaft in Deutschland, der mit seinem Bericht "Iceland revisited" sowohl zentrale Motive des Tagungsgeschehens, als auch fotografische Impressionen einer eindrücklichen Landschaft vor Augen führt. 

"Kosmos Rudolf Steiner" im Rundfunk

Olafur Eliasson: "Power Tower"

Anlässlich der im Kunstmuseum Wolfsburg laufenden Ausstellungen "Rudolf Steiner und die Kunst der Gegenwart" und "Die Alchemie des Alltags" führte die "Deutsche Welle" ein Interview mit Hartwig Schiller, Generalsekretär der Deutschen Landesgesellschaft, zu den Einflüssen Rudolf Steiners auf zeitgenössische Kunst und Design.

Deutsche Welle: Herr Schiller, die Ideenwelt von Rudolf Steiner fasziniert heute gerade auch junge Künstler wieder. Was ist daran eigentlich so besonders aktuell?

Schiller: Ich glaube einmal ist es gerade in der Gegenwart so, dass jeder Mensch - und Künstler tun das insbesondere - an denjenigen Denkgewohnheiten zweifelt, in denen unser alltägliches Leben eingespannt ist. Man erlebt die Katastrophen, man hat den Eindruck, dass das gegenwärtige Denken und die Ideen der Menschen nicht ausreichen, den gegenwärtigen Katastrophen entgehen zu können - ob das im wirtschaftlichen, im sozialen oder im ökologischen Bereich ist. Und insofern ist es kein Wunder, dass ein Interesse entsteht an Ideen, die hinausgehen über das begrenzte Denken der Gegenwart.

D.W.: Wie äußert sich das denn in Kunstwerken, zum Beispiel jetzt in der Ausstellung in Wolfsburg?

Schiller: Das Erfreuliche an der Ausstellung in Wolfsburg ist, dass man an den Gegenwartskünstlern und ihren Exponaten keine Stereotypen ablesen kann. Also nicht das, was gemeinhin als "anthroposophische Kunst" identifiziert wird und was etwa unter dem Stichwort "abbe Ecke" läuft, wenn es um Architektur geht. Sondern es sind Werke ausgestellt, die einen vollkommen freien und originellen Bezug auf die Ideen Steiners nehmen und man sieht nicht jedem Werk sozusagen mit Aushängeschild an, worin die Beziehung besteht, von der ja alle Künstler gesagt haben, dass sie eine haben.

D.W.: Wie kann man das denn konkretisieren? Wie wirken sich z.B. Steiners Ideen im Bereich Design aus?

Schiller: Der Versuch, ein Design zu finden, das Wachstumsprinzipien und Veränderungsverhältnisse in die Sichtbarkeit bringt, ist schon etwas anderes, als eine nur praktische, an statischen Geboten orientierte Gestaltung zu haben.

D.W.: Wie kann man sich das denn jetzt praktisch vorstellen?

Schiller: Da gibt es ein Exponat von Olafur Eliasson, den "Power Tower", der etwas ungeheuer Überraschendes hat. Das ist ein Objekt, das aus Holz-, Metall- und Lichtelementen besteht und es fällt dabei auf, dass ein Aufbau von unterschiedlichen Körpern entsteht. Diese Körper haben verschiedene Flächen, die das Licht reflektieren. Folgt man mit dem Blick dieser Säule, dann sieht man, dass da verschiedene Stationen durchlaufen werden. Es gibt keine Wiederholung, sondern Veränderungen, die auseinander hervorgehen. Was aber noch viel eindrucksvoller ist und wo es dann um den direkteren künstlerischen Eindruck geht, das ist, dass das Licht in den verschiedenen Stationen in ganz unterschiedlichen Qualitäten in Erscheinung tritt. Dass man da wie in Abläufe hineingezogen wird, die mit Sonnenaufgang zu tun haben, wo das Licht ganz keimhaft entsteht. Und schließlich an der Spitze mündet das in einer Sonnenuntergangsstimmung, die von einer großen, sich steigernden Dunkelheit umgeben ist derjenigen Flächen, die das Licht in seiner Entfaltung begrenzen.

D.W.: Wie würden Sie denn die Lehren Steiners vor dem Hintergrund dieses Objektes definieren? Was sind da die heute relevanten Schwerpunkte?

Schiller: Nun hat sich die Ausstellung ja ein besonderes Motiv gegeben: das der Umstülpung - von "inside out" und "outside in" - und das ist eben an diesem Objekt von Eliasson besonders eindrucksvoll zu erleben.

D.W.: Wo ist darin der Bezug zu Steiners Lehre?

Schiller: Der ist darin, dass bei Steiners Lehre die Frage gestellt wird: wie hängt der Mensch in seiner ganzen Entwicklung zusammen mit dem Umkreis? Wie entwickelt sich das Ich aus seinen eigenen individuellen Kräften heraus und stellt sich in die Welt? Und wie wirkt aus der Welt etwas herein, das dieses Ich konstituiert? Also wie ist der Zusammenhang von einem Zentrum zu einem Umkreisgestaltungsprinzip? Das führt zum Gestaltungsprinzip der Umstülpung, die in einer Evolutionsreihe mehr und anderes ist, als nur eine Metamorphose.

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Interviews zum Kongress "Zukunft der Arbeit - Karma des Berufs"

"Klänge aus der Zukunft"

Ein Gespräch mit Alexander Schaumann zu den künstlerischen Aspekten der Tagung "Zukunft der Arbeit - Karma des Berufs"

Der Blick auf das Tagungsprogramm verrät, dass die Tagung "Zukunft der Arbeit - Karma des Berufs" mit hochkarätigen künstlerischen Beiträgen aufwarten kann, die weit mehr, als ein bloßes schmückendes Beiwerk sein werden.

Für die Konzeption des künstlerischen Programms zeichnet Alexander Schaumann verantwortlich. Der gebürtige Münchner lebt als freischaffender Künstler und Dozent für Malerei, Kunstgeschichte und Anthroposophie in Bochum. Er kann auf ein Studium der Malerei und Kunstgeschichte bei Gerhard Richter in Düsseldorf und ein Fernstudium bei dem Dornacher Künstler Gerard Wagner zurückblicken. Seit 2004 ist Schaumann Mitglied des Arbeitskollegiums des Arbeitszentrums NRW.

Herr Schaumann, könnten Sie einmal die Konzeption des künstlerischen Programms umreißen? Inwieweit und mit welchen künstlerischen Mitteln wird sich darin das Tagungsthema widerspiegeln?

Schaumann: "In diesem Zusammenhang sollte als erstes das beeindruckende Bauensemble erwähnt werden, das Werner Seyfert in Kooperation mit Wilfried Ogilvie geschaffen hat und das im Schulbau der Waldorfbewegung seinerzeit neue Maßstäbe gesetzt hat.

Im Gesamtprogramm wird zeitgenössische Musik eine große Rolle spielen. Sie lebt von einem wesenhaften Hinhören auf Klänge, die aus der Zukunft kommen. Es sind ungewohnte und bewegende Klänge, die uns auf ihre elementare Art helfen werden, die Themen des Kongresses auf produktive Weise anzugehen.

So wird Wolfgang Sellner, Erster Cellist der Bochumer Symphoniker, alle drei Morgenveranstaltungen mit Stücken für Cello solo von Wang Jue, einem jungen chinesischen Komponisten beginnen. Dessen Musik, diesmal für zwei Schlagzeuge, wird auch am Freitag Abend wieder auftauchen, zusammen mit zwei Klavierstücken von Pervez Mirza und einer Fuge für Violine von Alfred Schnittke jeweils in Zusammenhang mit Eurythmie, die von Tille Barkhoff und der "Jungen Bühne Ruhrgebiet" gestaltet wird.

Wir hoffen mit diesem "Festlichen Abend im Gedenken an die Verstorbenen" eine Vertiefung des Kongressgeschehens zu erreichen, ohne die ein nachhaltiges Handeln gar nicht denkbar ist.

Der Samstag Abend wird dagegen unter dem Zeichen "Johannifest" stehen. Den zentralen Beitrag "Paradies verschenkt" gibt das "Theater Total" aus Bochum. 25 junge Leute zwischen Schule und Berufsausbildung zeigen ein Stück aus ihrer Theaterarbeit: prägnante Bilder vom Weg auf der Erde, aus einer ozeanischen Weite kommend hin zu Arbeit, Kampf und Tod und zu der Schlüsselfrage, wie ein gemeinsamer Wiederaufstieg möglich ist."

Wang Jue kann ja für seine 31 Jahre schon eine beachtliche künstlerische Biographie aufweisen: Kompositionsstudium bei Wolfgang Riehm, Untericht unter anderem bei Sofia Gubaidulina, Helmut Lachenmann und Elmar Lampson, Auftragsarbeiten für renommierte internationale Festivals, wie das Heidelberger Musikfestival, die Hamburger Klangwerktage, die Wittener Tage für neue Kammermusik und die Musikfesttage am Goetheanum. Sie sprachen eben von "Klängen, die aus der Zukunft kommen". Beziehen Sie sich da speziell auf das Schaffen von Wang Jue oder sehen Sie darin ein generelles Signum Neuer Musik?

Schaumann: "Zweiteres. Als ich zum ersten Mal die Solostücke für Cello von Wang Jue hörte, war ich sofort in Bann geschlagen. Hier lebte für mich jenes offene Hören, jenes Nachklingen und Entfalten einmal angeschlagener Klänge, das ich bei anderen zeitgenössischen Komponisten, wie etwa Sofia Gubaidulina kennen und schätzen gelernt habe.

Die Tatsache, dass die Aufnahme von dem Bochumer Cellisten Wolfgang Sellner stammte, legte es nahe, zu versuchen, ihn für unseren Kongress zu gewinnen."

Eine weitere Besonderheit ist ja auch der Versuch, den Tagungsort selbst künstlerisch zu gestalten. Was erwartet die Besucher da?

Schaumann: "Wir freuen uns, dass eine Gruppe junger Leute um die "projekt.zeitung" herum initiativ in unseren Vorbereitungskreis eingestiegen ist. Es wird eine Ausgabe dieser Zeitung anlässlich des Kongresses geben und damit in Zusammenhang Gestaltungselemente in Gelände und Gebäude, die etwas vom Tagungsthema und seinem Werkstattcharakter in die Anschauung bringen.

Es ist an markante Aussagen und Fotos gedacht und einen wachen künstlerischen Umgang mit den Situationen, die Gelände und gebäde anbieten. Man darf gespannt sein, wohin sich dieses Vorhaben entwickelt. Dadurch werden nicht nur die musischen, sondern auch die bildenden Künste präsent sein. Dabei verstehen wir Kunst als eine exemplarische Situation von Arbeit, nämlich durch Umgestaltung des Gegebenen Entwicklungsprozesse in Gang zu bringen."

Im Zuge der Vorbereitungstreffen zur Tagung fiel ein Sprachbild auf, das Sie hinsichtlich des zu gestaltenden Totengedenkens immer wieder mit Nachdruck verwendeten. Sie sagten, es gelte dem "Raum der Toten" eine Gegenwärtigkeit zu verleihen. Wie wird das geschehen?

Schaumann: "Zuerst möchte ich etwas zum Ausdruck "Raum der Toten" sagen. Er ist immer da und wird von vielen Menschen als Hülle, Wegleitung und Unterstützung erfahren. Sofern es sich nicht um die Beziehung zu einem einzelnen nahestehenden Verstorbenen handelt, scheint mir der Ausdruck "Raum" den Blick tatsächlich in die richtige Richtung zu lenken, ein Raum freilich ganz anderer Qualität als der des dreidimensionalen Raumes.

Im Versuch, sich diesen Raum deutlich zu Bewusstsein zu bringen, hat die Kunst wesentliche Möglichkeiten. Wir setzen dabei auf die zeitgenössische Musik. Das dürfte aus dem bereits Gesagten nachvollziehbar sein. Die Eurythmie hilft dann, die musikalischen Erfahrungen zu verdichten und umgekehrt als stumme Eurythmie in ein vertieftes Zuhören hineinzukommen. Dieses Element wird eine wichtige Rolle spielen, da es nicht zuletzt dem Redner erleichtern wird, die Brücke nach drüben schlagen zu können."  

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"Der Mensch muss zu seiner eigenen Wirklichkeit erwachen"

Hartwig Schiller, Generalsekretär der Anthroposophischen Gesellschaft in Deutschland, im Gespräch zu inhaltlichen Aspekten der Tagung "Zukunft der Arbeit - Karma des Berufs" (Bochum, 24.-27. Juni 2010):

Herr Schiller, wie könnte sie aussehen, die "Zukunft der Arbeit"? Sind in Wandlungen und Krisen, denen die Arbeitswelt unterworfen ist, auch Chancen verborgen?

Schiller: Das Problem von Zukunft betreffenden Aussagen ist, dass sie meistens nichts als hochgerechnete Vergangenheit sind. Zukunft kann ihrem Wesen nach nur durch inspirierte Schau erfasst werden. Da ist bereits das Finden der "Fakten" an Innenerlebnisse gebunden, die durch eine weitere, im Individuum sich vollziehende Erkenntnisleistung geistig interpretiert werden müssen. Wahrheitsfindung ist dabei nur durch eine erarbeitete Form selbsthafter Selbstlosigkeit möglich.

Aus der Antike wissen wir, dass Arbeit eine kultische Dimension besaß. Arbeit als Dienst an den Göttern, Opfer von der Frucht der Felder - das waren wesentliche Elemente der Arbeit für den Menschen im Altertum. Dieses religiöse Moment enthält außer den erforderlichen Kenntnissen im Arbeitsprozess Elemente von Ehrfurcht, Verehrung und Hingabe. Der antike Mensch war bis in die höchsten und tiefsten Seelenregionen mit seiner Arbeit verbunden. Arbeit vermittelte Sinn, Gewissheit, Zufriedenheit und Geborgenheit. Zugleich stiftete sie Identität.

Qualitäten dieser Art erwarte ich unter veränderten Voraussetzungen für die Zukunft der Arbeit. Nachdem moderne Technologien die Produktivität derart steigerten, dass zum Lebenserhalt der Menschheit ein Arbeitseinsatz vielfach nicht mehr erforderlich ist, treten die alten Aspekte der Arbeit wieder stärker in den Blickpunkt.

Erwerbstätigkeit ist ein unzureichender Aspekt von Arbeit, weil es dafür nicht genügend Angebote gibt. Die Menschheit kann durch die Arbeit einger Weniger ernährt werden. Überproduktionen werden vernichtet, statt sie den Bedürftigen zu geben. So tritt der moralische und soziale Faktor als neue Dimension auf: Sind wir bereit, andere an den Früchten unserer Arbeit teilhaben zu lassen oder soll unsere Arbeit ausschließlich uns selbst dienen?

Hier stellt sich auch die Frage nach der Entkoppelung von Arbeit und Einkommen, wie es das Modell eines Grundeinkommens beabsichtigt.

Schiller: Die Idee des Grundeinkommens greift die angedeutete Entwicklung der Arbeitswelt auf und macht auf ihre ethischen Widersprüche aufmerksam. Die liegen in der unmenschlichen Gleichsetzung von Arbeit und Erwerbstätigkeit. Arbeit ist etwas Umfassenderes, als die entwicklungsgeschichtlich begrenzt auftretende Erwerbstätigkeit heutiger Prägung.

In einer Phase frei werdender Arbeitskräfte muss auch die Gelegenheit zu freier Arbeitstätigkeit geschaffen werden. Dazu beschreibt das Grundeinkommen einen Weg. Denn an Arbeit mangelt es ja nicht. Erziehung, Fortbildung, Pflege und Gemeinwesen bieten unbegrenzt viele Arbeitsplätze. Sie zu aktivieren, hieße den bei Massenentlassungen zynisch gebrauchten Ausdruck von "Freistellungen" seiner wahren Bedeutung zuzuführen.

Kann die Forderung nach größerer Selbstverantwortung und Eigeninitiative einer Gesellschaft helfen, deren Balance zwischen sozialer Gerechtigkeit und den Gesetzmäßigkeiten des freien Marktes immer mehr zu kippen droht?

Schiller: Selbstverantwortung und Eigeninitiative sind zwei von drei Grundqualitäten des freien Menschen. Gesellt sich die Liebe hinzu, sind die Voraussetzungen vollkommen, um die notwendige Balance zu schaffen. Das Wahre Ich als Kraftmittelpunkt der Individualität darf nicht verwechselt werden mit dem selbstbezogenen Ich eines kümmerlichen Egoismus.

Das wahre Ich wird aus dem, im und in den sozialen Kontext hineingeboren. Das Du ist dem wahren Ich so immanent wie die übrige Welt. Der Mensch lernt am anderen zu sprechen, wie zu antworten. Würde die Summe seiner Lebenserfahrungen sich nur unbehindert in der Kraft seine Individualität wirksam bündeln, so würde der Mensch gewiss ein höheres Maß an sozialer Gerechtigkeit verwirklichen, als sie heute gegeben ist.

Das Kongressmotto erinnert an Rudolf Steiners Vortrags-Zyklus "Das Karma des Berufs" (GA 172) aus dem Jahr 1916. Ein bewusster Rekurs?

Schiller: Ja, das ist ganz bewusst aufgegriffen worden. Wer das tut, muss allerdings auch verstehen, dass es sich dabei eher um einen "Prokurs", als um einen Rekurs handelt. Rudolf Steiner entwickelte in dieser Vortragsreihe viele zukünftige Ideen, die zu einem großen Teil heute noch nicht einmal im Ansatz aufgegriffen oder verwirklicht sind und doch für die bestehenden Nöte so hilfreich sein können.

Die Entwicklung einer neuen Arbeitshaltung gehört dazu. Zu meinen letzten Schulstunden im Gymnasium gehörte, Auskunft zu geben, welchen (Erwerbs-)Beruf ich ergreifen wolle. Vorher war unsere Klasse belehrt worden, dass "Beruf" von "Berufung" komme. Wir sollten überlegen, wozu wir uns "berufen" fühlten und dem unbeirrbar folgen.

Mir sind nicht alle Frustrationen, Enttäuschungen und Versagensgefühle meiner ehemaligen Klassenkameraden bekannt. Jedoch: welche Lebenshilfe hätte es für sie bedeutet, den Gedanken von der Arbeit für andere aufzunehmen. Arbeitsmotive nicht aus einem sublimen, gesteigerten Egoismus zu suchen, sondern aus einem Bewusstsein für die Situation, aus einer Bereitschaft zum Notwendigen.

Stand die Münchner Tagung 2009 mit ihrem Thema "Durchbrüche in die ätherische Welt" noch im Zeichen eines genuin anthroposophisch geprägten Erfahrungshorizonts, greift der Bochumer Kongress 2010 eine Thematik auf, deren gesellschaftliche Relevanz auch ohne geisteswissenschaftlichen Hintergrund offensichtlich ist. Kommt hier ein neuer Zug im öffentlichen Auftreten der Landesgesellschaft zum tragen?

Schiller: Nun ist die Ökologie ja gewiss kein öffentlich irrelevantes Thema. Aus seiner eigenen Substanz heraus braucht es Vorbereitungen um zu wissen, worüber man spricht. Deshalb entstand in München ein filigranes Profil, das sehr schön mit dem Charakter des Ortes übereinstimmte.

In Bochum versteht jeder sofort, wie sehr der Ort mit seiner Entwicklung zum Thema passt. Dort kann man nicht sozialtheoretisch abgehoben sprechen. Da ist die Zukunft der Arbeit mit ihren karmischen Perspektiven kein Salonthema, sondern wirklicher Ernst. Ein intellektuell leichtfertiges Wort wird sich sofort als hohl entlarven. Lebensnot und Lebensleid bilden dort den ernst mahnenden Rahmen, in dem eine so entscheidende Thematik aufgegriffen wird.

Es trägt zur seelischen Wärme des Ruhrgebiets bei, dass dort die religiösen Impulse des Menschen immer einen aufnahmebereiten Ort fanden. Daran haben die katholischen Zuwanderer ebenso ihren Anteil, wie die Schwere der Arbeit, ihre gesundheitsschädigende Wirkung und die unter diesen Umständen "erarbeitete" Solidarität.

Wie kann ein menschengemäßes, zukunftsfähiges Verhältnis zur Arbeit entstehen?

Schiller: Im Morgenspruch für die unteren Klassen der Waldorfschulen heißt es: "Der Sonne liebes Licht,/Es hellet mir den Tag;/Der Seele Geistesmacht,/Sie gibt den Gliedern Kraft;/Im Sonnen-Lichtes-Glanz/Verehre ich, o Gott,/Die Menschenkraft, die Du/In meine Seele mir/So gütig hast gepflanzt,/Dass ich kann arbeitsam/Und lernbegierig sein./Von Dir stammt Licht und Kraft,/Zu Dir ström´ Lieb´ und Dank".

Der Begriff der Arbeit wird da in verhüllter Form viel weiter gefasst, als die entwürdigende Beschränkung der Erwerbsperspektive. Arbeit ist ein konstitutiver Ausdruck der Menschenwürde. Ihre Entwicklung geht vom religiös-kultisch empfundenen Verbundensein mit dem Schöpfer-Gott zum Schöpferisch-Werden des freien Menschen, der ein am Gesamtwohl und Erdganzen dienend arbeitender Mensch ist. Das begründet ein neues ganzheitliches Verhältnis zur Arbeit. Soweit kann ich in die Zukunft ahnen, dass ich den Ausgangspunkt in verwandelter Form in ihr wieder finde.

Hinsichtlich der Zukunft der Arbeit suche ich deshalb nach bestimmten verwandelten Impulsen ihres Ursprungs. "Die Menschen gehen deshalb zugrunde, weil sie den Anfang nicht an das Ende anknüpfen können", sagt Alkmaion von Kroton um 500 v. Chr. Und gerade da liegt der Schlüssel des Rätsels. Der Mensch muss in einer Zusammefassung von Vergangenheitsbildern und Zukunftskeimen zu seiner eigenen Wirklichkeit erwachen. Die liegt in einer vom Zwang des Notwendigen befreiten, von Initiative, Liebe und Verantwortung bestimmten Hinwendung an die Welt als Ganzes: in unermesslicher Arbeit, an der Welt, an sich selbst.  

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"Nach der Kohle wird jetzt eine andere Energie freigelegt: Soziale Vernunft"

Michael Schmock, verantwortlich für das Arbeitszentrum NRW und Mitglied des Arbeitskollegiums der Deutschen Landesgesellschaft, im Gespräch über inhaltliche Aspekte der Tagung "Zukunft der Arbeit - Karma des Berufs" (Bochum, 24.-27. Juni 2010):

Herr Schmock, als Begriff und Lebensfaktor ist Arbeit seit jeher einem Wandel unterworfen. In Deutschland ging die Entwicklung von der Agrar- über die Industrie- hin zur Dienstleistungsgesellschaft. Zu Beginn des 21. Jahrhunderts finden wir uns in einer ökonomisch weitgehend globalisierten Arbeitswelt wieder, die von zunehmender Unsicherheit geprägt zu sein scheint. Wie sieht die Zukunft der Arbeit aus? 

Schmock: Im Jahr 1995 lud Michael Gorbatschow fünfhundert Experten zum Thema "Zukunft der Arbeit im 21. Jahrhundert" ein. Dabei wurde deutlich, dass in nicht allzu ferner Zukunft 20 Prozent der arbeitsfähigen Bevölkerung ausreichen werden, um die Weltwirtschaft in Schwung zu halten. Diese 20 Prozent werden aktiv am Arbeitsprozess, am Verdienst und am Konsum teilhaben. Alle anderen werden am unteren Level der Existenz versorgt und unterhalten werden müssen. Eine Perspektive, die sich in der Globalisierung der letzten zwanzig Jahre in rasantem Tempo bestätigt. Wir gehen auf eine 20/80-Gesellschaft zu.

Das ist die Verunsicherung: wer kann in Zukunft noch mit einem Arbeitsplatz und einer ausreichenden Versorgung rechnen? Angesichts der Situation kann man sagen, uns geht die organisierte und rechtlich fixierte Erwerbsarbeit aus.

Damit fängt das Problem aber erst richtig an! Der Arbeitsbegriff muss bis in die rechtliche Verankerung neu gedacht und umgesetzt werden. Wenn Arbeit nur noch eine Frage von Erwerbsarbeitsplätzen ist, gehen wir auf eine Katastrophe zu, welche die Menschen in Teilhaber am Wohlstand unserer Zivilisation und andererseits zu Versorgungsempfängern aufspaltet.

Das ist gegen die Menschenwürde und Menschenrechte. Wir leben damit, weil bis in die Politik hinein scheinbar keine alternativen Konzepte mehr denkbar sind. Die Aufgabe besteht also darin, erst einmal den Begriff Arbeit neu zu denken und Mut für Alternativen zu entwickeln.

Wie bewerten Sie unter diesem Gesichtspunkt das Modell eines Grundeinkommens, das die historische Koppelung von Arbeit und Absicherung umgestaltet?

Schmock: Zunächst einmal brauchen wir ein neues Verständnis vom Wesen der Arbeit. Arbeit ist ein freier, schöpferischer Prozess, in den der Mensch seine Fähigkeiten einbringt. Die Koppelung an die Arbeit als "Kostenfaktor" im Produktionsprozess degradiert aber den Menschen zur auswechselbaren Maschine.

Unabhängig davon lebt heute ein Großteil der Menschen nicht von seiner Produktionsleistung, sondern durch die "Sozialleistungen" der Gesamtgesellschaft. Das sind nicht nur sogenannte Arbeitslose, sondern auch Kranke und alte Menschen.

Sie alle haben ein Grundeinkommen, das ihnen die Lebensbedürfnisse mehr oder weniger zur Verfügung stellt. In Krankheitsfällen und in der Rente ist diese Versorgung weitgehend bedingungslos. In der Arbeitslosigkeit gilt die erste Priorität der Vermittlung auf dem Arbeitsmarkt. Diese ist aber bereits heute für etwa 10 Prozent der Menschen aussichtslos, weil der Arbeitsmarkt eine Vollbeschäftigung immer weniger hergibt.

Wir brauchen keine Knechtschaft an den vorhandenen Arbeitsmarkt, sondern ein Freisetzen von Initiativen und Engagement. Ein Grundeinkommen würde ich nur an eine Bedingung binden: das zu tun, was ich als Mensch wirklich will.

Ich bin der Überzeugung, das die weitergehende Entkoppelung von Arbeit und Einkommen ganz neue Berufe oder Arbeitsfelder hervorbringen wird. Die Ausführungen Steiners zur Trennung von Arbeit und Einkommen sind sehr unterschiedlich. Das auszuloten, ist gerade eine der Aufgaben des Kongresses.

Der Kongress findet in Bochum, mitten im Ruhrgebiet statt. Gerade diese Region spiegelt den Wandel der Arbeitswelt in hohem Maße wider. Welche strukturellen, auch äußerlich sichtbar werdenden Prozesse scheinen Ihnen hier besonders signifikant?

Schmock: Kaum eine Region der Erde wurde so "durchgearbeitet" wie das Ruhrgebiet. Tausende Meter wurden unter Tage in die Erde getrieben, um die Menschen mit Energie, mit Kohle zu versorgen. Diese Ressource ist erschöpft.

Jetzt baut das Ruhrgebiet auf Dienstleistung und Kultur, wendet sich wieder neu den Menschen zu. Ruhrgebiet, das ist soziales Elend, Arbeit bis zur Erschöpfung, einfachste lebensart und Offenheit für Neues. Das Ruhrgebiet ist zu Ende und gleichzeitig am Anfang und unglaublich innovativ - insbesondere in neuen sozialen Ausrichtungen, in Versuchen, das zu leben, was wirklich "dran" ist.

Der Kongress "Zukunft der Arbeit" hat im Ruhrgebiet eine riesige Chance. Nach der Kohle wird jetzt eine andere Energie freigelegt: Soziale Vernunft.